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529 SERIE

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»Vier Versuche über das Sehen« – Jürgen Waxweiler

Ein Blinder, ein Sehender und ein blinder Seher: Jürgen Waxweilers „Vier Versuche über das Sehen“

Anlässlich des Bildhauersymposiums, das von Mitte April bis Mitte Mai 2008 am Rhein-Nahe-Eck stattfand, schuf der in Traben-Trarbach arbeitende Künstler Jürgen Waxweiler die vier monumentalen Köpfe, die nun an der Rheinpromenade einen Aufstellungsort bekommen haben, der ihnen genug Raum lässt, ihre Wirkung zu entfalten.

Der Betrachter muss in Distanz gehen, um das Kunstwerk in seiner Gänze aufnehmen zu können. In allen vier „Köpfen“ erkennen wir noch die Quader, aus denen sie herausgearbeitet wurden. Vor allem die flachen, nicht an die menschlichen Kopflinien angelehnten Stirnstrukturen verbinden die Gesichter mit der Erinnerung an das Material des Sandsteins. Beim genauen Betrachten der archaisch wirkenden Köpfe, die ganz auf die Frontalperspektive hin gearbeitet sind, fällt auf, dass Waxweiler das Thema der Augen variiert. Beim linken Kopf vermisst man die beiden Augen rechts und links der Nase, dafür gibt es eine Augenhöhle auf der Stirn. Der nächste Kopf gibt ein menschliches Antlitz wieder, wie wir es gewohnt sind, während der Kopf ganz rechts uns mit Augenhöhlen überrascht, wo wir die Augen erwarten, dafür aber ein Auge auf der Stirn über alles hinwegblicken lässt.

Waxweiler spielt hier auf drei verschiedene Figuren der Antike und der Mythologie an. Im ersten Kopf bezieht er sich auf den Zyklopen Polyphem, der nach Homers „Odyssee“ Odysseus und dessen Gefährten in seiner Höhle gefangen hielt. Polyphem, einem Stamm von einäugigen, barbarischen Halbgöttern angehörig, verspeiste jeden Abend zwei seiner Gefangenen, bis es Odysseus und seinen Begleitern gelang, den vom Genuss des Weines eingeschlafenen Riesen mit einem glühenden Baumstamm das Auge auszubrennen, so dass sie sich befreien konnten. Das Augenloch auf der Stirn erinnert den Betrachter an den Verlauf der Geschichte, es zeigt aber auch auf, was mit einem Wesen geschah, das ausserhalb jeder Zivilisation und ohne jede menschliche Moral lebte.

Der Kopf, der dann folgt, kann dann nicht nur als „normal“ gelesen werden, sondern hier zeigt uns Waxweiler eine antike Gestalt, die sich ganz im Kontrast zum Polyphem dem Gemeinwesen gewidmet hat und weiter denken konnte als viele Zeitgenossen. Hier handelt es sich um den vorsokratischen griechischen Naturphilosophen Empedokles, der im fünften Jahrhundert vor Christus auf Sizilien lebte. Er tat sich nicht nur als Chef der Demokratie seiner Polis hervor, sondern auch als Philosoph und wurde zeitweise wie ein Gott von seinen Mitmenschen verehrt.

Neben dem in Erinnerung an die ursprünglichen Kuben als Block stehen gelassenen dritten „Versuch“ präsentiert Waxweiler dem Betrachter Teiresias aus Ovids „Metamorphosen“, der auch ein Geblendeter ist. Die Göttin Juno war über eine Aussage von ihm so entzürnt, dass sie ihm das Augenlicht nahm, Jupiter ihm jedoch die Fähigkeit des Weissagens verlieh, so dass er nicht sehen, aber im übertragenen Sinne „Voraussehen“ kann. Waxweiler arbeitet vorwiegend mit Sandstein. Ihm liegt die körnige Oberflächenstruktur des Steines, dem man die Spuren der Herkunft ansieht. Daher poliert Waxweiler den Sandstein auch nicht zu einer glatten Oberfläche. Ihm ist es wichtig, das Material und den Bearbeitungsprozess sichtbar zu halten und dabei zugleich dem Lichtspiel der Natur die Möglichkeit zu geben, die Oberfläche immer neu wirken zu lassen.

Der Künstler hat nach einer Lehre als Steinmetz und Steinbildhauer an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in München und der Hochschule für Bildende Künste in Dresden studiert und ist seit 1993 freischaffender Künstler. In seinen Arbeiten manifestiert sich auf beeindruckend moderne Weise der handwerkliche Umgang mit dem Material des Sandsteins in Verbindung mit dem Wissen um die antike Geschichte und Mythologie.

Dr. Britta von Campenhausen

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