Skulpturen bei 529 Bingen am Rhein

Navigation überspringen


Navigationsbaum: Künstler → Inhalte 529 Serie

Inhalte 529 Serie

529 SERIE

← zurück
»Poseidon« – Jo Kley
weiter →
»Mutantenpaar – Fabeltiere« – Johannes und Liesel Metten

»Zwei Felstorsi am Rheinufer« – Eberhard Linke

Nicht von Menschenhand geschaffen: zwei Felstorsi am Rheinufer

Zwei Felsen sitzen inmitten des Rasens am Rheinufer auf Kies. Der rechte Felsen erinnert mit den starken breiten Schultern und muskulös angedeuteten Oberschenkeln an einen Mann, der linke, die Schultern schmaler und in der Hüfte tailliert, während lediglich ein Bein mit Knie noch angedeutet ist, scheint einen Frauenkörper anzudeuten. Die geschrundenen „Körper“ sind mit Flechten und Moos bewachsen, ein eindeutiges Erscheinungsbild des der Witterung und den Erosionen ausgesetzten Sedimentgesteins.

Aber das Paar wäre nicht Teil des Skulpturenparks, wenn nicht doch alles anders wäre als wahrgenommen. Der Künstler Eberhard Linke hat in seinem Atelier in Flonheim 1997 den „Weiblichen und männlichen Felstorso“ aus Terrakotta geschaffen.

Beim Baden im Mittelmeer auf der Isola del Giglio fielen dem Künstler zwei kleine Felsformationen auf, diese waren für ihn die realen Vorbilder des Pärchens. „Mein Ideal von Landschaft war immer der aus dem Meer aufragende Felsen.“ konstatiert Linke. Er machte sich damals vor Ort in Italien Notizen und schuf dann aus Ton, einem Werkstoff, in dem, so Linke, die Landschaft einfach schon vorhanden ist, die „künstlichen“ Felsen, die seitdem in seinem Garten Wind und Wetter ausgesetzt sind.

Dabei spielt es eine wichtige Rolle, dass Linke die angedeuteten Körper von Mann und Frau ohne Kopf und Arme und nur mit Beinstümpfen, also als so genannte Torsi konzipiert hat. Würden diese Körperteile mit aufgenommen, hätten wir Betrachter nicht mehr das Gefühl, natürlich gewachsene Felsen mit Anklängen an den menschlichen Körper vor uns zu haben, vielmehr würde uns sofort klar, dass sie von einem Bildhauer geschaffen worden sind. Der Torso, also der Körper ohne Gliedmassen, hat in der Geschichte der Skulptur eine wichtige Rolle gespielt. In der Zeit der Renaissance wurden viele antike Kunstwerke wieder ausgegraben. Sie waren meistens aber nur in Fragmenten - also als Torsi - erhalten. Doch fingen die zeitgenössischen Künstler, allen voran Michelangelo, an, im Fragmentarischen eine eigene Qualität der Kraft und des Ausdrucks zu sehen. In der Neuzeit war es Rodin, der mit der Tradition brach und mit der Figur eines Schreitenden ohne Kopf den Torso zu einer eigenen Gattung der plastischen Kunst erhob. Der Eigenheit des Torsos verdanken auch Linkes Plastiken ihren verwunschenen, fast mythischen Charakter.

Im Leben und Schaffen von Linke, der von 1972 bis 2002 an der Fachhochschule Mainz unterrichtet hat, war der Villa-Massimo-Preis und der sich daran anschliessende neunmonatige Romaufenthalt eine besondere Zeit. Es ist sicherlich auch nicht ohne Bezug, dass Linke oft Brunnen für den öffentlichen Raum entwirft und ausführt, so beispielsweise in Ingelheim, Heilbronn und Dortmund. Die wichtige künstlerische und historische Rolle, die Brunnen in der Stadt Rom einnehmen, beeinflusste einen Teil seines Kunstschaffens. Da ergänzt es sich, dass man den „Weiblichen und männlichen Felstorso“ dem Element der Erde zuordnen kann.

Dr. Britta von Campenhausen

← zurück
»Poseidon« – Jo Kley
weiter →
»Mutantenpaar – Fabeltiere« – Johannes und Liesel Metten

Skulpturen bei 529 Bingen am Rhein
info@529-bingen.de