Skulpturen bei 529 Bingen am Rhein

Navigation überspringen


Navigationsbaum: Künstler → Inhalte 529 Serie

Inhalte 529 Serie

529 SERIE

← zurück
»Gefäß und Haus für Bingen I + II« – Werner Pokorny

»Grandi Figure Verticali« – Ivo Soldini

Gemeinsam und doch allein - Ivo Soldinis „Grandi Figure Verticali“

Es sind insgesamt sieben zwischen 350 und 420 Zentimeter hohe Figuren, deren schwarzer Farbton sich gegen das strahlende Weiß der Häuser in der Gartenstadt abhebt. Lediglich durch die Andeutung der Köpfe werden die Stelen zu Menschenkörpern, denn die Beine sind eng aneinandergestellt und die Arme an den Oberkörper gepresst, so dass der Körper als eine geschlossene Masse erscheint. Dadurch folgt eine Instabilität der Körper, die eigentlich das Gleichgewicht zu suchen scheinen und mit dem gesamten Willen und aller Anspannung um die aufrechte Haltung bemüht sind. Dabei kann man die Skulpturen in zwei Gruppen unterscheiden. Zum einen sind dies die drei etwas längeren Körper.

Bei ihnen sind Brüste angedeutet, und es scheint, als würde ein Visier die Gesichter der Frauen, deren Haare im gleichen Stil locker zurück gebunden sind, bewusst verbergen und somit die Figuren, bar jeder Persönlichkeit und jeden Ausdrucks, entindividualisieren. Die etwas kleiner gehaltenen weiteren vier Figuren scheinen wie kleine Schwestern. Ihre Körper zeigen gar keine Rundungen und Wölbungen und erinnern an ägyptische Mumien oder Pharaonen, zumal auch ihre schulterlangen Haare oder möglicherweise Kopftücher eine klare Formensprache sprechen.

Im Widerspruch zur Klarheit der Volumen steht die lebendige Oberflächenbehandlung der aus Kunstharz gegossenen Figuren. Bronzen lässt Soldini nur gießen, wenn es sich um Auftragswerke handelt. So steht zugleich auch die Schwere und Monumentalität der Figuren in Kontrast mit der materiellen Leichtigkeit.

Die Skulpturen erinnern – Zufall oder nicht – an die überlängten, ebenso meist schwarzen und in rauer Oberfläche gehaltenen Körper seines Landsmannes Alberto Giacometti, dessen vor allem zwischen 1942 und 1952 und in den 50er Jahren entstandenen „Stangen-Figuren“ ein Sinnbild des Existenzialismus sind. Sie sehen einsam und verloren aus in der modernen Welt, wie auch Soldinis Figuren uns an die Einsamkeit des Menschen erinnern. Selbst in einer Gruppe ist der Mensch doch oft für sich allein, und genau dieses Gefühl beschleicht einen angesichts der „Grossen vertikalen Figuren“.

Ivo Soldini, der aus dem Tessin stammt, hat an der Accademia di Belle Arti di Brera in Mailand studiert. Seit 1976 schafft er Bronzeskulpturen, deren zentrales Thema der Mensch und dessen psychologisches Bild der modernen Existenz ist. Er selbst bezieht sich, vor allem in der Bearbeitung der archaisch anmutenden Oberfläche, dabei ganz offen auf italienische Vorbilder wie Marino Marini, Giacomo Manzù und Giacometti. Soldini ist aber auch auf breitem Feld graphisch tätig. So hat er gezeichnet, Kaltnadel-Radierungen geschaffen, aquarelliert und mit Öl gearbeitet.

In ihrer aufrechten, fast monumentalen Haltung sind die „Grandi Figure Verticali“ jedoch ein unbestreitbar sichtbares Beispiel des künstlerischen Schaffens von Ivo Soldini, das den Betrachter irritiert und zum genauen Hinsehen und Nachdenken anregt. Da sie alle wie Soldaten aufgestellt in eine Richtung schauen, wirken sie als Gruppe und dennoch zugleich alleine. Eine Kommunikation untereinander scheint unmöglich. Größer könnte der Kontrast zu den miteinander schwätzenden Tonfiguren von Christina Wendt nicht sein. So nähern sich Künstler auf verschiedenen Wegen den Fragen des menschlichen Zusammenlebens und nach dem Eingebundensein und der Isoliertheit des einzelnen Individuums.

Dr. Britta von Campenhausen

← zurück
»Gefäß und Haus für Bingen I + II« – Werner Pokorny

Skulpturen bei 529 Bingen am Rhein
info@529-bingen.de